Der Kodex

18. September 2018 von Henriette
Schiffswerft von Lothal, Industal-Zivilisation (um 2400 v. Chr.)
Schiffswerft von Lothal, Industal-Zivilisation (um 2400 v. Chr., Bild: Wikimedia Commons / Devanshimehta1830788, CC BY-SA 4.0)

»Wir konnten das Alter ziemlich eindeutig bestimmen«, fuhr Mme Navarre fort. »Der Kodex wurde Anfang des 5. Jahrhunderts geschrieben, vermutlich in Edessa.« Damit stand sie auf und öffnete die schweren Metallbügel der Kiste. »Sie lagert hier seit zwei Wochen.« Als sie den Deckel hob, schlug mir ein muffiger Geruch entgegen, wie eine Mischung aus Maschinenöl und moderndem Holz. Das Buch war eingebettet in Tücher, Schaumpolster und mehrere Lagen Airbags. Es war schmal und hoch, größer, als es mir auf den Fotos erschienen war, aber nicht besonders dick. Der Einband bestand aus zwei schmucklosen, bespannten Holzplatten, die von zwei breiten Lederriemen zusammengehalten wurden. Dem Buch beigefügt war ein kleiner maschinengeschriebener Zettel mit ein paar Eckdaten:

Codex membranaceus, Pergament/Holz/Leder, Leporello, 5. Jh. n. Chr., Edessa?, zweisprachig, Bedeutung der Zeichen unbekannt, 19 × 35 cm. Privatsammlung Daschka.

Von einer Privatsammlung Daschka hatte ich noch nie etwas gehört, sie war auch nirgendwo in unseren Archiven verzeichnet, das hatte ich bereits in Nürnberg recherchiert. Wie kam Karnberg an diesen Kontakt? Seine Antworten auf meine Fragen diesbezüglich waren stets vage geblieben, er verwies lediglich auf Kontakte aus »seiner Zeit in Tübingen«. Ich wusste, dass er in den Siebzigern in Tübingen studiert und dort auch einer Studentenverbindung angehört hatte. Also wohl alte Seilschaften. Mehr war nicht aus ihm herauszubekommen.

»Ziehen Sie die hier über«, sagte Mme Navarre und reichte mir ein Paar Baumwollhandschuhe. Ich streifte sie über, hob das Buch behutsam aus der Kiste und schlug es auf. Die Seiten waren nicht, wie sonst üblich, am Buchrücken vernäht, sondern es handelte sich um ein Leporello — einen einzigen, langen Pergamentstreifen, der im Zickzack-Falz wie eine Ziehharmonika zusammengelegt war. Die so entstandenen Seiten waren vorn und hinten beschrieben. Das Pergament war erstaunlich gut erhalten, es gab nur wenige beschädigte Stellen, an denen Bereiche unleserlich waren oder fehlten.

»Die ersten paar Seiten sind auf Aramäisch. Diesen Text konnten wir bereits entziffern«, erklärte Mme Navarre. »Der Autor heißt Basileios, ein syrischer Mönch aus Edessa. Er erzählt, wie er durch die Wüste irrt und in einem einsamen Kloster Unterschlupf findet. Es ist auch die Rede von einer seltsamen, wundertätigen Trinkschale, die Kranke heilen kann.«

Als ich weiterblätterte, änderte sich plötzlich die Schrift. Die folgenden Seiten waren übersät mit unbekannten Bildzeichen oder Symbolen. In einigen konnte man abstrahierte menschliche Figuren, Vögel, Fische, Insekten, Pflanzen oder Werkzeuge erkennen, es gab aber auch einfache Formen wie Linien oder Wellen.

Der Kodex

»Wir haben keine Ahnung, was die Zeichen bedeuten«, sagte Mme Navarre. »Aber sie haben eine große Ähnlichkeit mit der Indus-Schrift.«

Sie hatte recht. Die Zeichen in dem Buch erinnerten stark an die Symbole der bronzezeitlichen Industal-Kultur — eine der frühesten Zivilisationen der Welt, die im vierten Jahrtausend v. Chr. wie aus dem Nichts auftauchte. Zu jener Zeit entstanden in dem Flusstal blühende städtische Zentren wie Harappa, Mehrgarh oder die Hauptstadt Mohenjo-Daro, ihr Einflussgebiet reichte vom Himalaja bis zum Arabischen Meer. Um 1300 v. Chr. verschwand die Industal-Kultur so plötzlich, wie sie gekommen war. Bis heute kennt man nicht einmal ihren wahren Namen. Ihre geheimnisvolle Schrift, die nur auf einigen Stempelsiegeln und Kupfertafeln erhalten ist, ging mit ihr unter und wurde bis heute nicht entschlüsselt.

Ich starrte ratlos auf die Buchseiten. »Sie meinen, jemand hat im 5. Jahrhundert n. Chr. eine Schrift benutzt, die bereits seit fast zweitausend Jahren vergessen war?«

»Es sieht zumindest so aus. Aber«, fügte Mme Navarre zögernd hinzu, »können wir die Möglichkeit ausschließen, dass es sich bei dem Buch um eine Fälschung handelt? Denken Sie nur an das Voynich-Manuskript …«

»Nein, natürlich nicht«, gab ich zu, »doch Monsieur Karnberg ist bekannt für seine exzellente Recherche und verfügt in der Regel über absolut vertrauenswürdige Quellen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass er sich derart hat übers Ohr hauen lassen.«

»Quoi?«

»Qu’il s’est fait botter le cul. Außerdem war der Kaufpreis nicht einmal besonders hoch. Es war Monsieur Karnberg zwar sehr daran gelegen, dass jemand den Kodex persönlich abholt, doch wäre er teuer gewesen, so hätte er gewiss einen Sicherheitstransport beauftragt.«

»Oder es hat bisher niemand den wahren Wert erkannt … Wir haben hier in Paris ein paar exzellente Leute, die Ihnen helfen könnten, mehr über die Zeichen zu erfahren. Möchten Sie nicht noch ein paar Tage bleiben?« schlug Mme Navarre vor, während sie das Buch zurück in die Kiste legte.

Die Neugier hatte sie gepackt — und mich ebenfalls. Ich hatte zwar nicht den Auftrag, den Kodex zu untersuchen, sondern sollte ihn lediglich nach Nürnberg überführen, doch ich beschloss, Karnberg anzurufen und ihm den Vorschlag zu unterbreiten.

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