Diluvium

Donnerstag, 20. September 2018, 11:42 von Henriette
›Die Sintflut‹ von Francis Danby, 19. Jh. (gemeinfrei)

»Das … das ist unglaublich«, sagte ich und starrte weiter auf das Blatt Papier. »Das klingt fast wie eine Chronik. Ein Bericht aus der Jungsteinzeit, als die Menschen sesshaft wurden. Eine hochentwickelte Kultur vor 12.000 Jahren, die bereits die Schrift kannte … Mann!«

»Man vermutet schon lange, dass die Geschichten von der Sintflut, die man sich überall auf der Welt erzählt, Erinnerungen an das Ende der letzten Eiszeit sind, als die Gletscher schmolzen«, sagte Betmar. »Aber diese Geschichte hier verbindet die Sintflut mit der Vertreibung aus Eden, als wären beide Ereignisse ein und dasselbe gewesen. Die Flut vertreibt die Menschen aus dem Paradies. Ihrem Paradies.«

»Wir reden hier jetzt aber nicht von Atlantis?« fragte ich. Sicherheitshalber.

»Wer weiß?«, sagte Mme Navarre. »Bei dieser Geschichte scheint alles möglich zu sein. Der Text weist jedoch in eine andere Richtung. Er weist nach Osten. Die Namen der Personen und Orte — Dilmun, Ninhursag, Tiâmat undsoweiter — sind alle Sumerisch. Die kann Basileios unmöglich alle gekannt haben. Die Geschichte muss also ursprünglich aus Sumer kommen.«

»Oder sie ist der Ursprung der sumerischen Legenden«, sagte Betmar. »Die Namen haben hier noch eine ganz andere Bedeutung als in der sumerischen Götterwelt. Dann wäre die Geschichte wirklich sehr, sehr alt.«

»Die Erzählung klingt nicht wie all die anderen antiken Mythen«, sagte ich, »Geschichten wie ›Athene stieß mit ihrem Speer gegen einen Felsen, und es wuchs der erste Olivenbaum‹ oder ›die Ente trieb es mit der Schlange und gebar das kosmische Ei.‹ Das einzig wirklich Mythische an dieser Geschichte ist die Sache mit dem Weißen Baum, der den Geist beflügelt und das Leben verlängert. Wie die Schale aus dem Wüstenkloster. Vielleicht liegt hier ihr Ursprung? Die wundersame Schale stammt aus Eden?«

»Dann, liebe Mademoiselle Kunrat, wäre der Heilige Gral wirklich der lapis exillis, der Kelch des Exils aus dem Garten Eden.«

»Machen Sie weiter, Betmar!« sagte Mme Navarre. »Übersetzen Sie um Gottes Willen diesen Text!«

»Ich könnte aber ein bisschen Hilfe gebrauchen«, sagte er und blickte Mme Navarre über den Rand seiner Brille hinweg an.

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