Eine Schrift aus der Bronzezeit

Mittwoch, 19. September 2018, 12:28 von Henriette

Betmar zündete sich eine Zigarre an und machte sich sogleich daran, die folgenden Buchseiten mit den unbekannten Symbolen zu studieren. »Die Zeichen entstammen mit Sicherheit der Indus-Schrift«, sagte er nach einer Weile und blies mir eine dicke Rauchwolke ins Gesicht. »Die Schreibrichtung ist von rechts nach links, genau wie bei den Texten aus dem Industal. Schauen Sie hier.« Er fuhr mit dem Finger eine Textzeile auf einem der Fotos entlang. »Die Abstände zwischen den Zeichen werden von rechts nach links immer enger, und auch die Zeichen selbst werden etwas kleiner. Da ist dem Schreiber der Platz knapp geworden.«

Ich war schon ein wenig beeindruckt, wieviel Informationen Betmar dem Text bereits beim ersten Hinsehen entlocken konnte.

»Allerdings gibt es auch einige Unterschiede zu den Texten der Industal-Kultur«, fuhr er fort. »Sehen Sie hier.« Er zeigte auf eine bestimmte Zeichenfolge. »Die Anordnung der Zeichen entspricht nicht dem Muster der im Industal gefundenen Texte.«

»Was meinen Sie damit?«

»Nun, jede geschriebene Sprache weist bestimmte Muster in der Zeichenfolge auf. Nehmen wir ein Beispiel aus dem Französischen: Wieviele französische Wörter mit Doppel-a kennen Sie?«

Mir fiel keins ein.

»Es gibt im Norden einen Fluss namens Aa. Der kommt immer in Kreuzworträtseln vor«, warf Mme Navarre ein.

»Eh bien soit!« Betmar grinste und verdrehte dabei die Augen. »Aber Sie sehen, dass der Buchstabe a im Französischen so gut wie nie zweimal hintereinander steht. In anderen Sprachen, wie etwa dem Niederländischen, kommt das Doppel-a hingegen häufig vor, zum Beispiel in waarheid oder Den Haag. Genauso ist es mit diesem Text hier.« Er deutete auf zwei identische Symbole, die vielleicht Krüge oder Amphoren darstellen sollten. »Diese beiden Zeichen stehen auf den im Industal gefundenen Stempelsiegeln nie zweimal hintereinander.«

Zeichen der Indus-Schrift

»Sie meinen, das ist zwar die Schrift, aber nicht die Sprache der Harappa-Kultur?«

»Es sieht ganz danach aus. Das ist jedoch zunächst nicht einmal besonders verwunderlich. Die Menschen aus dem Industal trieben intensiven Handel, auch in weit entfernte Regionen, und da kam es durchaus öfter vor, dass die Schrift für eine andere Sprache verwendet wurde. Unser Problem ist jedoch nach wie vor, dass dies alles im 3. Jahrtausend v. Chr. geschah, während unser Text hier aus dem 5. nachchristlichen Jahrhundert stammt, n’est-ce pas

»Und was schließen Sie daraus?«

»Offenbar gab es im 5. Jahrhundert eine Gruppe von Menschen, denen die Indus-Schrift noch bekannt war. Oder die sie — vielleicht erst Jahrhunderte nach dem Untergang der Industal-Kultur — wiederentdeckten. Womöglich kannten diese Entdecker nicht einmal mehr die ursprüngliche Bedeutung der Zeichen, sondern haben sie mit ganz neuen Bedeutungen versehen.«

»Sie meinen, das ist eine Art Geheimschrift?«

»Vielleicht«, entgegnete Betmar. Er stand auf und drückte mit einer entschlossenen Handbewegung seine Zigarre aus. »Es ist durchaus möglich, dass der Text ebenfalls aramäisch ist, oder vielleicht auch griechisch — das wurde damals im gesamten Mittelmeerraum gesprochen. In diesem Fall müsste man nur …«

»… müsste man nur jedes Symbol durch das entsprechende aramäische oder griechische Schriftzeichen ersetzen!« platzte ich heraus.

»Im einfachsten Fall ja«, sagte Betmar. »Immerhin haben wir den Einleitungstext des Mönchs als eine Art Bilingue, das heißt, wir können in den beiden Texten nach ähnlichen Zeichenfolgen suchen. Einen Versuch wäre es wert …«

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