Gilgamesch

Donnerstag, 20. September 2018, 23:07 von Henriette
Gilgamesch besiegt Chumbaba
Gilgamesch besiegt Chumbaba (ca. 860 v. Chr., Foto: gemeinfrei)

»Wow!« rief ich bewundernd, als der Beifall verklungen war und Tara, verschwitzt und außer Atem, wieder zu uns an die Bar zurückkam. Sie leerte eine halbe Flasche Wasser, dann wandte sie sich an mich. »Was hat es denn jetzt mit deinem geheimnisvollen Buch im Louvre auf sich?«

Ich erzählte den beiden von dem Kodex, von dem syrischen Mönch, dem Kloster in der Wüste und dem Untergang des Reiches von Edena.

Als ich mit meinem Bericht zu Ende war, sprang Nicholas auf und warf dabei fast den Barhocker um. »Mann, Henriette, weißt du, was du da sagst? Das ist eine Sensation! Ich meine, völlig egal, ob die Geschichte des Mönchs wahr ist oder nicht. Allein der Fund des Buches ist eine Riesensache! Was glaubst du, was das alte Ding wert ist?«

Er setzte sich wieder und schaute eine Weile in sein Glas. »Aber glaubst du, die Geschichte stimmt?« sagte er dann, mehr zu sich selbst. »Ich meine, gab es Eden wirklich? Und wo lag es? In Elam? Was meinst du, Tara?«

»Das ist eine traurige Geschichte«, sagte Tara und fasste ihn am Arm, »und für manche Menschen ist sie sicherlich wahr. Als ich klein war, nahm mich mein Großvater oft zu den Ausgrabungsstätten in Susa mit. Ich weiß noch, wie ich mich immer vor den Schlangenmenschen und den geflügelten Wesen auf den Steintafeln fürchtete. Er erzählte mir auch die alten Geschichten des Zweistromlandes, vom Abstieg der Frühlingsgöttin Inanna in die Unterwelt, und natürlich von der Sintflut. Viele der Geschichten aus dem Tanach und der Bibel stammen ursprünglich aus Sumer oder Babylon. Im 6. Jahrhundert v. Chr. lebte die Bevölkerung Judäas eine Zeitlang im babylonischen Exil, by the rivers of Babylon. Dort begegneten die Hebräer der jahrtausendealten Kultur und den Mythen des Zweistromlandes: Sie hörten die Geschichten von der Erschaffung der Welt, von einem Turm, der bis in den Himmel ragte, und von der Sintflut. Die sumerische Variante der Sintfluterzählung ist mindestens 1500 Jahre älter als die biblische. Dort heißt der Erbauer der Arche Ziusudra und wird vom Gott Enki vor der Flut gewarnt: O Ziusudra, Mann aus Šuruppak, zerstöre dein Haus, baue ein Schiff, verachte den Reichtum, verlasse die Götter, rette das Leben!«

»Klingt fast wie Wagner. Götterdämmerung«, sagte Nicholas.

»Das ist aus dem Epos von Gilgamesch. Die Geschichte gilt als die älteste Dichtung der Welt. Sie steht in Keilschrift auf zwölf Tontafeln geschrieben, die im 19. Jahrhundert in Mesopotamien gefunden wurden. Sie handelt von einem König, der nicht sterben will, und von der Sintflut.«

Gilgamesch war ein grausamer, vorzeitlicher König der sumerischen Stadt Uruk. Sein einziger Freund und Weggefährte war der mächtige Enkidu, ein Wilder Mann, den die Göttin Aruru aus Lehm erschaffen hatte, und der die Wildtiere vor den tödlichen Fallen der Jäger beschützte.

Als Enkidu an einer rätselhaften Krankheit stirbt, verzweifelt Gilgamesch und begibt sich auf Wanderschaft, um das Geheimnis des ewigen Lebens zu suchen. Nach vielen Abenteuern gelangt er schließlich zu einer Höhle unter den Zwillingsgipfeln des Berges Mâschu. Durch die Höhle betritt er den ›Edelsteingarten‹, einen magischen, der Welt entrückten Ort, und trifft dort auf die Große Göttin Ištar in Gestalt der ›reichen Schenkin‹ Siduri. Diese weist ihm den Weg zum ›bitteren Fluss‹, den Wassern des Todes.

Inmitten dieses Ozeans befindet sich Dilmun, die Insel der Seligen, wo der Baum der ewigen Jugend wächst. Dort lebt seit der Sintflut Ziusudra, ›der Ferne‹. Mit Hilfe des Fährmanns Uršanabi gelangt Gilgamesch auf die Insel, und der weise Ziusudra überreicht ihm schließlich eine Frucht vom Baum des Lebens. Doch auf dem Weg zurück in die Heimat macht Gilgamesch an einem Brunnen Rast, wo ihm eine Schlange die Frucht wieder entwendet. Alles war umsonst! Niedergeschlagen kehrt er nach Uruk-Gart zurück. Schließlich erkennt er, dass man nur durch große Werke Unsterblichkeit erlangen kann.

Der bittere Strom. Dilmun. Und wieder der Baum des Lebens. Alle Spuren schienen nach Mesopotamien zu führen.

»Auch die Geschichte vom Garten Eden kommt ursprünglich aus Sumer. Der Name Eden leitet sich vom sumerischen Begriff Guan Edena ab, was einfach Steppe oder Grünland bedeutete. Guan Edena wurde im Hebräischen zu Gan Eden, Garten Eden. Im Arabischen heißt der Ort Ǧanna.« Sie sah mich an und lächelte. »Aber das hat dir Betmar bestimmt auch schon erzählt.«

»Du kennst Betmar?« fragte ich einigermaßen verwundert.

»Ich habe bei ihm studiert. Ist schon ein paar Jahre her. Er ist ein alter Schürzenjäger, aber der Beste auf seinem Gebiet.«

Die Bar hatte sich mittlerweile geleert, und Tara begann, die Stühle hochzustellen. Es war spät geworden.

»Wie wär’s, wenn du morgen Abend wieder herkommst und uns von euren Fortschritten berichtest?« schlug Nicholas vor. »Wir brennen darauf zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht.«

Ich willigte ein, packte meine Sachen zusammen und wir verabschiedeten uns.

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