Louvre

Dienstag, 18. September 2018, 09:34 von Henriette

Es war erst 9:30 Uhr, und es hatte endlich aufgehört zu regnen, so machte ich mich zu Fuß auf den Weg. Die Place de la République war erstaunlich menschenleer, nur ein paar zerzauste Krähen hüpften durch die Pfützen und reckten ihre Schnäbel in den Wind. Mich fröstelte.

Die Stadt ist laut und dreckig, und mein Hotel im Quartier de la Folie-Méricourt ist eine Katastrophe. Doch mehr hat das schmale Budget der Museumsdirektion nicht hergegeben. Es ist ohnehin ein Wunder, dass sie mich persönlich geschickt haben, normalerweise macht sowas ein Kurierdienst. Die Sache scheint ihnen wichtig zu sein, »und Sie kennen sich doch mit spätantiken Artefakten aus, Fräulein Kunrat«, hatte Karnberg gesagt und mir dabei jovial die Schulter getätschelt. »Sie werden morgen im Louvre erwartet. Fragen Sie nach einer Mme Navarre.«

Über die Rue du Temple und die Rue de Turbigo erreichte ich nach etwa einer halben Stunde die Rue de Rivoli. Die Tuileriengärten lagen hinter einem Nebelvorhang verborgen. Mme Navarre erwartete mich bereits vor der gläsernen Pyramide. Sie war eine hochgewachsene, hagere Frau mittleren Alters in Cargohosen und Sweatshirt, ungeschminkt, die dunklen Haare lose zu einem Knoten zusammengesteckt.

»Mademoiselle Künrad?« rief sie von weitem und winkte.

»Kunrat. Henriette Kunrat. Bonjour, Mme Navarre.«

»Bienvenue. Hatten Sie eine gute Reise?« fragte sie in sehr gutem Deutsch.

Nach dem Sicherheitscheck dirigierte mich Mme Navarre zu einem Nebeneingang und führte mich — begleitet vom üblichen Smalltalk über das Pariser Wetter — durch die Flure und Säle ins Archiv im Untergeschoss des Museums. Unterwegs konnte ich einen Blick auf La Gioconda erhaschen. Was finden die Leute nur an diesem winzigen Portrait einer florentinischen Kaufmannsgattin mit ihrem teigigen Lächeln?

Wir betraten einen kleinen, schmucklosen Raum, an dessen Wänden sich monströse Eisenregale erhoben, vollgestopft mit Kartons, Mappen und losen Dokumenten. In der Mitte des Raums stand ein schwerer, langer Tisch, daneben ein paar alte Holzstühle. Mitten auf dem Tisch stand eine schäbige, alte Metallkiste. Sie sah aus wie eine Munitionskiste aus dem Zweiten Weltkrieg. Bei näherem Hinsehen erkannte ich auch tatsächlich die abgeblätterten Farbreste einer Beschriftung: Deutsche Wehrmacht.

»Sind Sie über das Objekt unterrichtet?« fragte Mme Navarre schließlich, als wir auf den Stühlen Platz genommen hatten.

»Nun, Monsieur Karnberg hat mir ein Dossier mit ein paar Infos und großformatigen Fotos mitgegeben. Es handelt sich wohl um einen spätantiken Kodex aus Kleinasien.«

»C’est juste. Allerdings befinden sich darin Schriftzeichen aus der Bronzezeit.«

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