Rosette

Mittwoch, 19. September 2018, 14:48 von Henriette
Tontafel mit Linearschrift B
Tontafel mit Linearschrift B aus dem mykenischen Palast des Nestor in Pylos (Foto: How Cool Is Writing?, Flickr / Sharon Mollerus, CC BY 2.0)

Der Professor saß nun schon seit geraumer Zeit über die Fotos gebeugt und tippte mit der Kappe seines geschlossenen Füllfederhalters nacheinander einzelne Symbole auf den Buchseiten an. Dabei zählte er leise vor sich hin und machte sich dabei immer wieder Notizen auf ein Blatt Papier.

»Der erste Schritt bei der Entzifferung einer Schrift ist zu ermitteln, aus wieviel Zeichen sie insgesamt besteht«, sagte er schließlich und sah zu uns auf. »Die Anzahl der Zeichen ist ein wichtiger Hinweis auf den Schrifttyp. Besteht eine Schrift aus etwa 20 bis 35 Zeichen, handelt es sich um eine Alphabetschrift. Bei 40 bis etwa 100 Zeichen ist es sehr wahrscheinlich eine Silbenschrift, wie etwa die sumerische Keilschrift. Sind deutlich mehr als 100 Zeichen vorhanden, ist das Schriftsystem sicherlich logographisch, verwendet also für jedes Wort ein eigenes Bildzeichen. Dies trifft beispielsweise auf die chinesische Schrift zu, sie enthält etwa 87.000 verschiedene Zeichen. Unsere Schrift besteht insgesamt aus …«

»… 96 Zeichen«, fiel ich ihm ins Wort. »Ich hab sie gestern Nacht im Hotel auf den Fotos gezählt. Damit ist sie wohl eine Silbenschrift.«

»Das hätten Sie mir auch früher sagen können«, knurrte er.

»Das war’s dann mit Aramäisch und Griechisch«, seufzte Mme Navarre resigniert. »Das griechische Alphabet hat lediglich 24 Buchstaben, das aramäische sogar nur 22.«

»Stimmt, Aramäisch scheidet wohl aus.« Betmar setzte eine verschwörerische Miene auf. »Aber für Griechisch gibt es noch eine Chance: Die Mykener!«

Ich sah ihn ratlos an.

»Das könnte funktionieren«, sagte Mme Navarre. Dann wandte sie sich an mich. »In der mykenischen Zeit benutzten die Griechen ebenfalls eine Silbenschrift, das sogenannte Linear B!«

»Linear B — ist das nicht eine minoische Schrift aus Kreta?« fragte ich.

»Nicht ganz«, erklärte Mme Navarre. »Im 15. Jahrhundert v. Chr. fielen die indogermanischen Mykener vom griechischen Festland aus in Kreta ein. Sie guckten sich die minoische Schrift von den Kretern ab, passten sie aber an ihre eigene, griechische Sprache an. Daraus entstand die Linearschrift B. Sie besteht aus etwas mehr als 90 Silbenzeichen, ganz ähnlich wie die Schrift in dem Buch.«

Betmar stand auf und verschwand im Hinterzimmer. Kurz darauf kam er mit einem sehr betagten Notebook zurück. »Das ist Rosette«, erklärte er und strich liebevoll über den Deckel des Computers. Wir scannten eine Buchseite ein und begannen, die Symbole der Indus-Schrift durch Silbenzeichen der Linearschrift B zu ersetzen. Dabei durchsuchten wir zunächst den Text nach wiederkehrenden Zeichenmustern, um vielleicht Satzstrukturen der griechischen Sprache zu finden. Dann versuchten wir, anhand der Häufigkeit und Position einzelner Zeichen zu bestimmen, ob es sich um Vokale oder Konsonantenverbindungen handelte. Doch alle Versuche blieben erfolglos.

Bei Sonnenuntergang gaben wir schließlich auf. »Der Text ist weder griechisch noch aramäisch«, konstatierte Betmar und klappte das Notebook zu. »Wir müssen nochmal von vorn anfangen. Lassen Sie mir die Fotos hier. Ich werde morgen weitermachen.«

Wir verabschiedeten uns, und ich machte mich erschöpft und etwas resigniert auf den Weg zurück ins Hotel.

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