Edena

Dienstag, 14. August 407 AD, 23:29 von Basileios von Edessa
Thomas Cole, The Course of the Empire II: The Arcadian State, 1836
Thomas Cole, The Course of the Empire II: The Arcadian State, 1836 (gemeinfrei)

Es begab sich vor etwa 12.000 Jahren, dass eine Gruppe schweifender Wildbeuter auf ihrer Wanderung ein grünes, fruchtbares Tal entdeckte. Die weiten Grasebenen wurden von sanften, baumbestandenen Hügeln und glitzernden Bächen durchzogen. Dort lebte allerlei Getier, und die Bäume trugen reichlich Früchte. In das Tal mündeten vier Flüsse, die sich dort zu einem einzigen großen Strom vereinten, der wie ein blaues Band die gesamte Oase durchzog. Etwa auf der Hälfte seines Weges durch die Ebene stürzte der Fluss in schäumenden Kaskaden in einen großen, kreisrunden See, in dessen klarem Wasser sich unzählige Fische tummelten. Weit draußen auf dem See schimmerten die Umrisse einer flachen Insel durch den Nebel.

Im Osten wurde die Ebene von einem hohen Gebirge begrenzt, das nach Süden hin jäh abfiel. Dort, am südöstlichen Ausgang des Tals, ragten zwei Felsnadeln hoch in den Himmel und bildeten eine natürliche Pforte. Jenseits dieser Pforte lag das Meer. Die beiden Felsen aber nannte man später ›Säulen des Nergal‹.

[Hier ist das Pergament beschädigt. Einige Zeichen fehlen.]

Doch schon bald erkannten die Ankömmlinge, dass sie offenbar nicht die ersten Menschen waren, die dieses Tal entdeckt hatten. Als sie die Flussebene durchwanderten, stießen sie zunächst immer wieder auf vereinzelte Überreste von Schafhürden und Feldmauern. Nur wenige Steine lagen noch übereinander, und die meisten waren bereits völlig von Blattwerk bewachsen. Dort, wo der Fluss über die Felsen in die Tiefe stürzte, entdeckten sie, halb verborgen unter Wurzeln und Farnen, eine zerbrochene Stele, in die fremdartige Zeichen eingeritzt waren. Als sie aber eines Tages die Insel im See erkundeten, gewahrten sie plötzlich dunkle Schatten im Nebel. Sie hielten sie zunächst für wilde Tiere oder, schlimmer noch, für Geister, fassten sich schließlich jedoch ein Herz und traten näher. Da erkannten sie, dass es Steine waren. Dreizehn gewaltige Steine standen im Kreis, einige umgestürzt und mit Moos und Dornengestrüpp überwuchert, viele noch immer hoch aufragend. Auf manchen waren noch Zeichnungen zu erkennen, es waren dieselben Bilder und Figuren, die sie bereits auf der Stele am Wasserfall gesehen hatten. Im Zentrum des Steinkreises aber wuchs ein kleiner, weißer Pirri-Baum, dessen Blüten im Dunst silbern schimmerten. Niemand wusste, wie lange dieser Baum oder die Steine dort schon standen. Wer war dieses Volk, das hier in uralter Zeit gelebt und all diese wundersamen Bauwerke errichtet hatte? Waren sie Riesen? Oder Götter? Woher kamen sie, und wohin waren sie verschwunden? Waren sie die Anunnaki, die Großen Könige der Vorzeit, von denen die alten Lieder kündeten?

In dem Tal fanden die Menschen alles, was sie zum Leben brauchten, im Überfluss. Es herrschte ein angenehmes Klima mit nicht zu heißen Sommern und milden Wintern, und die Herbstmonate schickten einen sanften, warmen Regen. So beschlossen sie eines Tages, von nun an nicht mehr weiterzuziehen, sondern für immer in diesem Land zu wohnen. Sie bauten sich feste Hütten aus Holz, Stroh und Stein, und mit der Zeit lernten sie, die Tiere des Tals zu zähmen und Getreide zu säen und zu ernten. Das grüne Land war zu ihrer Heimat geworden, und sie nannten es in ihrer Sprache Edinû, das bedeutet Grünland. Wir nennen es heute Edena.

Doch so, wie die Menschen allmählich das Land veränderten, so veränderte das Land auch sie. Sie wurden immer älter, die Lebensspanne einer jeden Generation übertraf die ihrer Eltern um viele Jahre. Auch ihr Geist wurde erleuchtet. Sie lernten, zahlreiche Krankheiten zu heilen und schufen wundervolle Kunstwerke, Tempel mit Säulengängen, Arkaden und bemalten Wänden in leuchtenden Farben, und mächtige Statuen aus Stein. Sie fertigten Musikinstrumente und lernten, darauf die lieblichsten Weisen zu spielen. Sie bauten Schiffe, auf denen sie den großen Strom hinabfuhren und ihre Waren transportierten. Sie beobachteten die Kreisbahnen der Sterne, um aus ihnen den richtigen Zeitpunkt für Aussaat und Ernte sowie das Schicksal des Landes und der Menschen zu lesen. Sie lernten, die großen Schutzsteine aufzurichten, die die Erde fruchtbar machten und das Wasser behüteten. Und sie errichteten die Sternenfelder, in deren Zentrum sie in heiligen Tänzen am ewigen Kreislauf des Himmelsgewölbes teilnahmen, der den Takt allen Lebens schlägt.

Um ihr Wissen zu bewahren, ersannen sie eine Schrift, die sich in kurzer Zeit von ein paar wenigen, einfachen Bildzeichen zu einem umfangreichen Zeichensystem entwickelte. Damit hielten sie ihre gesamten Kenntnisse der Natur, aber auch ihre Poesie und ihre Musik für die nachfolgenden Generationen fest.

Da erkannten sie, dass sie geworden waren wie die Könige der Vorzeit, die einst hier gelebt hatten, und ihre Kunst übertraf die der Altvorderen noch an Schönheit.

Doch was war die Ursache dafür, dass die Menschen von Edena nicht alterten und sich ihr Geist und ihre Kultur so rasant entwickelten? Manche sagten, es sei das Wasser des Sees, das ihre Körper reinige und sie inspiriere. Andere glaubten, es seien die Früchte des Weißen Baums, den sie deshalb auch Gil-Namtari nannten, das bedeutet Baum des Lebens.

Mehr als tausend Jahre lang lebten die Menschen des Tals in Frieden und Wohlstand. Sie führten keine Kriege, und über das Land wachten die Ilanu, die Heiligen Könige von Edena, Söhne der Ninhursag, der Göttin der Erde, des Wassers und der Luft.

Doch dann kam der Zorn von Tiâmat, der Unerbittlichen, über das Reich von Edena. Es begann am siebzehnten Tag nach dem zweiten Neumond im eintausend­sechshundert­sechsundfünfzigsten Jahr. Schwere Gewitter suchten das Land heim und vernichteten die Ernte, der große Strom und der See traten über ihre Ufer und rissen die Häuser mit sich. Schließlich brachen alle Brunnen der großen Tiefe und die Schleusen des Himmels auf, und eine gewaltige Flutwelle rollte vom Meer her über das Tal und begrub Mensch und Tier unter sich. All ihr Wissen und ihre Errungenschaften, die Bücher, die strahlenden Tempel, versanken in den Fluten. So wurde Edena innerhalb eines einzigen Tages und einer unglückseligen Nacht ausgelöscht. Dort, wo einst das Tal lag, befindet sich heute ein Meer, das die Menschen Marratu nennen, das bedeutet bitterer Strom. Weit draußen auf dem Meer erhebt sich eine Insel aus den Wogen wie ein ferner Widerschein aus dem Nebel der Zeit, eine letzte Erinnerung an Edena. Diese Insel heißt heute Dilmun, die Ferne.

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